Doris Hahn

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Schule im Herbst

Im Rahmen der Sitzung des Bundesrates vom 8. Oktober hatte ich die Gelegenheit zur Aktuellen Stunde mit Bundesminister Heinz Faßmann zu sprechen. Wenig überraschend ging es um die Schule und ihre Herausforderung aufgrund der Covid-19-Krise.

 

 

Da ich mit einer maximalen Redezeit von 10 Minuten nicht alles loswerden konnte, was noch wichtig gewesen wäre, hier nun meine geplante, vollständige Wortmeldung:

Vor mittlerweile fast exakt einem Monat hat ein neues Schuljahr begonnen. Und wie es schon im Frühjahr zu erwarten war: Der Schulstart war alles andere als ein gewöhnlicher. Vieles konnte nicht ablaufen wie gewohnt:
Die sonst üblichen Schulmessen zu Beginn fielen aus, bei den „Taferlklasslern“ durfte nur mehr 1 Elternteil beim großen Start dabei sein. Es galt unterschiedliche und widersprüchliche Ampelregelungen einzuhalten. Bezirke, die immer noch „grün“ sind, sind schulisch plötzlich gelb. Andere Bezirke wiederum sind inzwischen orange – die Schulen bleiben gelb. Schülergruppen, die nun „epidemiologische Einheiten“ genannt werden, dürfen nicht mehr gemischt werden. Sportwochen und Projekttage wurden abgesagt. Obwohl die Lehrkräfte ja sowieso ihren Dienst in den Klassen zu versehen haben und sich auch im Konferenzzimmer immer wieder begegnen sind Konferenzen nur mehr als Videokonferenzen gestattet, obwohl man zB in den großen Turnsaal mit viel Abstand ausweichen könnte und vieles mehr.

Covid-19 verursachte schon lange vor dem Schulbeginn teils große Verunsicherung bei allen Betroffenen.

Diese entstandene Verunsicherung war aber aus meiner Sicht keine Überraschung: Bildungsministerium und Bildungsdirektion gaben regelmäßig unterschiedliche Informationen und Richtlinien für den Schulbeginn heraus. Angekündigt hat man in Pressekonferenzen sehr vieles. Gesetzlich verankert war das alles aber lange nicht – wochenlang musste hier auf entsprechende Verordnungen gewartet werden! Na ja, der Schulbeginn war ja auch nicht vorherzusehen und kam völlig überraschend. Und ich möchte an dieser Stelle einen Ihnen vermutlich gut bekannten Mann zitieren. Nämlich Paul Kimberger, seines Zeichens Vertreter der Lehrergewerkschaft und vor allem Ihrer Fraktion zugehörig. Der meint erst vorgestern in der Tiroler Tageszeitung:

"Ich habe wenig Verständnis dafür, dass sich die politisch Verantwortlichen trotz mehrmaliger Aufforderung nicht penibelst auf das vorbereitet haben, aws für die Schulen für den Herbst vorhersehbar gewesen ist. Da ist zu lange zu wenig passiert." (Paul Kimberger in der Tiroler Tageszeitung, 6.10.2020)

Doch in Wahrheit ist es simpel und durchschaubar: Die Verantwortung wird nach „unten“ verschoben, nämlich zu den Lehrkräften und Schulleiter/innen, die nun versuchen müssen, aus einem Chaos an Ankündigungen und Widersprüchen einen möglichst normalen Schulalltag zu gewährleisten, und eine Verbreitung des Virus möglichst zu verhindern. Und die noch dazu gewährleisten müssen, dass aus einer großen Verunsicherung keine Furcht und Angst wird. Und das wird unter dem Deckmantel der Schulautonomie getarnt. Aus meiner Sicht ist das der denkbar ungünstigste Zeitpunkt und der denkbar schlechteste Aspekt, um Schulautonomie umzusetzen!

 

Geschätzter Hr. Minister!

Die Betroffenen, nämlich die Pädagoginnen und Pädagogen, die Schulleiterinnen und Schulleiter, die Eltern / Erziehungsberechtigten aber auch die Schülerinnen und Schüler, sollten sich nicht darum kümmern müssen wer, sprich welche Behörde nun zuständig ist und von wo die nächste Direktive kommen könnte. Ist es das Ministerium, oder ist es doch die jeweilige Bildungsdirektion? Als Lehrerin kann ich Ihnen eines bestätigen: In der Realität habe ich auch nicht die Zeit, mich in jeder Minute um tatsächliche Zuständigkeiten zu kümmern.

Für die Betroffenen geht es schlicht und ergreifend darum, dass sie ganz klare und eindeutige Informationen einfordern – und zwar zurecht einfordern! Das haben sich Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen gleichermaßen verdient, Hr. Minister!

Das haben Sie ja sogar selbst kritisiert, die uneinheitlichen Vorgehensweisen, wenn zB. 2 Lehrkräfte an derselben Schule als Verdachtspersonen unterschiedlich zu behandeln sind, nur weil sie aus unterschiedlichen Bezirken kommen.

Und in der aktuellen Ausgabe der NÖN haben Sie dazu gesagt: „Ich werde deshalb mit dem Gesundheitsminister sprechen, damit wir in den nächsten Wochen zu einem einheitlichen Prozess kommen.“ Und ein bisschen weiter unten im Text meinen Sie: „Das ist nicht so kompliziert, der eigentliche Ablauf ist nicht so komplex.“ Dann frage ich mich: Warum ist das nicht schon längst passiert, Hr. Minister? Wieso haben Sie den Sommer dazu nicht längst genutzt? Muss jetzt wieder ein Semester verstreichen?

 

In unzähligen Gesprächen, die ich in letzter Zeit auch als Personalvertreterin geführt habe, wurde diese Verunsicherung ganz deutlich als solche ausgedrückt:

Es wird beklagt, dass seitens des Bildungsministeriums oft zuerst die Presse und erst danach die Betroffenen informiert werden. So Manches klinge in der Theorie gut, könne aber in der Realität so nicht umgesetzt werden.

Wann gilt ein Kind tatsächlich als „Verdachtsfall“? Was, wenn sich Kinder schon kaum mehr trauen zu husten und sich wirklich bemühen, sich das Niesen zu verkneifen? Welche schulischen Angebote dürfen überhaupt noch angeboten werden?

Es sollen möglichst kleine Lerngruppen gebildet werden. Was aber, wenn das aufgrund personeller oder auch räumlicher Gegebenheiten gar nicht möglich ist?

Es soll alle 20 Minuten gelüftet werden. Mittlerweile sitzen schon jetzt immer mehr Kinder mit Schal und Jacke in den Klassen. Das heißt im Winter muss die Heizung auf höchster Stufe laufen, damit wir die Klassen nach dem Lüften wieder auf behagliche 18° wärmen können, um danach wieder zu lüften?

Gruppenarbeiten sind nun gänzlich verpönt. Es müssen Sitzpläne erstellt und in der Direktion aufgelegt werden. D.h. die Kinder sind angehalten ihre Sitzplätze nicht zu wechseln. Heißt das dann, dass wir auf kooperatives Arbeiten gänzlich verzichten sollen? Reiner Frontalunterricht? Und die Schüler/innen bleiben natürlich den ganzen Tag in ihren Klassen, weil sich die epidemiologischen Einheiten ja nicht vermischen sollen?
Wie stellen Sie sich das konkret vor, Hr. Minister?

Dazu kommt: Viele Schulen haben an sich aufgrund ihres Schulprofils weitere individuelle Angebote („Freigegenstände“, Exkursionen, Kooperationen mit Betrieben und Institutionen...). Das können sein ein Schulchor, eine Schulband, Akrobatik-Kurse, jahrgangsübergreifende Projekte und vieles mehr. Können derartige Angebote wirklich stattfinden? Der Minister stellte das in seiner Pressekonferenz kurz vor Schulbeginn frei. Er sprach davon, dass er sich hier nicht einmischen wolle und das individuell entschieden werden müsse.

Wie sieht es in der Praxis aus? Vielfach sind solche Angebote bereits gestrichen worden, sozusagen dem Virus zum Opfer gefallen. Denn LehrerInnen wie DirektorInnen sind es, die letztlich dafür die Verantwortung übernehmen müssen.

Aus der Befürchtung, möglicherweise für eine Verbreitung des Virus verantwortlich zu sein, wird also das schulische Leben vielfach auf ein fachliches Minimum gekürzt und kreative, sportliche, begabungs- und interessensorientierte Angebote fallen zumeist weg. Das, was Schule eigentlich erst lebendig macht. Das, worauf sich die Schülerinnen und Schüler am meisten freuen. Das, was für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen von immenser Bedeutung ist. Jene Bereiche, in denen sie sich entfalten können.

Was wird also in diesem Jahr Schule lebenswert machen? Eine Frage, die seitens der politisch Verantwortlichen niemand zu beantworten wagt. Eines kann ich Ihnen sagen: Die PädagogInnen versuchen wirklich, das Beste aus den Umständen zu machen! Sie leisten seit März schon wirklich unglaublich viel!

 

Und daher: Es ist längst an der Zeit für eine wertschätzende und umsichtige Kommunikation Ihrerseits mit den PädagogInnen. Und zwar nicht nur über Pressekonferenzen. Und nicht nur ein bisschen Bauchpinseln weil gerade WeltlehrerInnentag ist bzw. war.

 

Zumal besonders SchulleiterInnen derzeit in einer Flut an Dokumentationsarbeiten und sonstigem untergehen.

Für eine Handvoll Verdachtsfälle müssen ganze Aktenordner an Unterlagen (Stundenpläne, Sitzpläne und vieles mehr) zusammengetragen und weitergeleitet werden. Und so mancher fragt sich, ob sich diese Unterlagen überhaupt jemand genauer anschaut.

Und dann gibt es da noch die Gurgelstudie, die für die teilnehmenden Schulen zu einem logistischen und administrativen Berg heranwächst.

Dazu berichtet eine Lehrerin aus Graz in der Kleinen Zeitung:

"Die Freiwilligkeit wurde nie klar kommuniziert, die Informationen des Ministeriums waren spärlich und hatten oft wenig Bezug zur Praxis."

"Die Lehrer mussten das Material für die Tests vorbereiten, die daüfr nötigen Kühlgeräte teils bei sich daheim einlagern, Listen mit den Daten der betroffenen Schüler erstellen. Das war studnenlange Arbeit. vom Ministerium inst nur ein Paket gekommen, in dem dann auch noch einige Sachen gefehlt haben." (erzählt von einer Grazer Schulleiterin in der Kleinen Zeitung vom 7.10.2020)

 

Jetzt ist verlautbart worden, dass administratives Unterstützungspersonal an die Schulen kommen soll. Na Halleluja! Eine unserer langjährigen Forderungen, die endlich umgesetzt wird. Allerdings: 100 Personen für ganz NÖ? Das sind rein rechnerisch 5 in jedem Bezirk! Das kann nicht alles gewesen sein. Die Anzahl an Schulen kennen Sie ja hoffentlich ganz genau! Und wer bekommt die Schulen dann? Wie werden diese ausgewählt? Also wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein…

Und noch etwas muss ich an dieser Stelle kritisch anmerken: Bei allem Verständnis für die Problematik aufgrund der Gesundheitskrise, der wir uns gerade gegenübersehen – vieles andere was den Bildungs- und Schulbereich betrifft geht völlig unter.

Erst mit diesem Schuljahr wurden die „Neuen Mittelschulen“ zu „Mittelschulen“ umfunktioniert. Die größte Änderung ist wohl die Umstellung auf die neuen Leistungsniveaus „Standard“ und „Standard AHS“ in den Hauptgegenständen D, M und E und damit verbunden die Einführung einer neuen Notenskala.

Von der Regierung und vom Minister als „großer Wurf“ präsentiert ist ein weiterer Faktor, der zusätzlich zur Verunsicherung beiträgt.

Ich darf Ihnen an dieser Stelle wärmstens die Plattform „Schulgschichten“ ans Herz legen. Hier sprechen Lehrerinnen und Lehrer der unterschiedlichsten Schularten aus ihrem Alltag.

"Aber das Gefühl werde ich nicht los, was in den Mittelschulen passiert, das interessiert ihn [den Bildungsministerin, Anm.] gar nicht." (Lehrerin an einer Mittelschule in Wien auf der Plattform schulgschichten.com)

 

Dann wurde uns ja eine große Digiatalisierungs-Offensive angekündigt. Jede/r Schüler/in soll ab 2021 mit einem Endgerät ausgestattet werden. Endlich.
In NÖ habe ich dazu bis dato außer einer Ankündigung in einer Pressekonferenz nichts gehört.
In der Steiermark sollen die Schulen bereits die gewünschten Modelle bis Ende Oktober auswählen.

 

Übrigens: Bei den Eltern ist die Verunsicherung ebenso groß:

Sie wissen nicht: Soll ich mein „schnupfendes“ oder hustendes Kind zuhause lassen? Soll es trotzdem in die Schule gehen? Viele haben keinen Überblick mehr, wie die Regelung was Sonderbetreuungszeit betrifft aktuell ausschaut. Die Minister Aschbacher und Faßmann haben dazu einen Elternbrief verfasst, der eigentlich Klarheit und Beruhigung dahingehend bringen sollte. Stattdessen findet man darin teils widersprüchliche, teils einfach nicht korrekte Informationen. Arbeiterkammer und ÖGB haben bereits auf die juristisch nicht vollständigen Aussagen im ministeriellen Brief hingewiesen.

 

Geschätzte Damen und Herren!

Herr Minister!

 

Wie heißt es in der Schule so schön:

Sie haben Ihre Hausaufgaben nicht oder nicht sorgfältig gemacht!

Im Interesse unserer Schülerinnen und Schüler kann ich Sie daher nur eindringlich bitten: Fangen Sie endlich damit an!

Fangen Sie an mit einer zukunfts-gerichteten Bildungspolitik!